Vom Mechaniker zum Betriebsrat: Samee Ullah setzt sich gegen Ausbeutung in der Lieferbranche ein
Vom Lieferfahrer zum Betriebsrat: ein persönlicher Kampf gegen Ausbeutung
Als ausgebildeter Triebwerksmechaniker begann Samee Ullahs Weg nach Deutschland mit der Hoffnung, seiner Profession nachgehen zu knnen. Stattdessen traf ihn bürokratische Restriktion, Arbeitslosigkeit und die Erfahrung, dass Zertifikate allein nicht reichen, um Teilhabe zu sichern. Aus dieser Frustration entstand politische Arbeit, die ihn schließlich in die Interessenvertretung von Lieferdienstangestellten führte.
Der Weg nach Deutschland und die ersten Hürden
Ullah wurde 1983 in Punjab, Pakistan geboren und absolvierte dort eine Ausbildung zum Triebwerksmechaniker. Ein Arbeitsvisum fhrte ihn zunächst nach Italien, kurz darauf nach Deutschland. Trotz technischer Qualifikation war ihm das Arbeiten hier lange verwehrt: Als Asylbewerber durfte er nur eingeschränkt tätig sein, musste für jede Stelle eine Genehmigung beantragen und erlebte wiederholt die Härte bürokratischer Schranken. Die Erfahrung, fr ein Visum erhebliche Summen gezahlt zu haben, während der Zugang zum Arbeitsmarkt blockiert blieb, machte ihn politisch aktiv.
Vom Theaterprojekt zur Gewerkschaftsarbeit
In einer Erstaufnahmegruppe schrieb Ullah Briefe an Angehörige, die später die Grundlage für ein Theaterprojekt bildeten. Die Inszenierung öffnete ihm Türen zu weiteren Initiativen und machte ihn zu einem Stimme für die Situation von Geflüchteten. Die Organisierung und die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen legten den Grundstein für sein Engagement gegen prekäre Beschäftigungsformen.
Lieferdienst als Einstieg und Auslöser
Während der Pandemie führte ein Facebook-Post ihn zur Tätigkeit als Fahrer bei einem Lieferdienst. Der Job war pragmatisch attraktiv: flexibel, ohne perfekte Sprachkenntnisse machbar und verlässlich bezahlt. Ullah verdiente damals Mindestlohn plus Zulagen und kam mit Vollzeitarbeit auf rund 1.800 Euro im Monat. Doch der Blick hinter die Kulissen zeigte bald Risiken: ausgelagerte Logistik, kriminell agierende Subunternehmer und Kolleginnen und Kollegen, die über Monate kein Gehalt erhielten.
Vom Fahrer zum Betriebsrat
Aus Empörung über missbräuchliche Praktiken und aus Solidarität mit Betroffenen formte sich der nächste Schritt: Ullah engagierte sich in Protesten, half bei Demonstrationen und übernahm schließlich ein Mandat als Betriebsrat. Die neue Aufgabe ist ihm wichtig, kostet ihn jedoch finanziell: Als Betriebsrat in Vollzeit sind seine Einkünfte deutlich gesunken, da Zulagen und Trinkgelder wegfallen. Dennoch bezeichnet er seine Arbeit nicht nur als Beruf, sondern als Berufung.
Praktische Forderungen und persönlicher Alltag
Ullah plädiert für eine mehrsprachige Arbeitskultur, verpflichtende Sprachförderung finanziert durch Arbeitgeber und eine Einschränkung des Subunternehmersystems. Bei Solidaritätstipps rät er zu realistischen Gesten: Bares Trinkgeld kommt eher bei den Fahrenden an, wichtiger ist jedoch Respekt im Alltag, ein schlichtes «Danke» und kleine Erleichterungen bei der Übergabe von Bestellungen.
Im Betriebsratsbüro, das an die Büros des Managements grenzt, ist Ullah oft Vermittler und Zuhörer. Er macht Kaffee, geht in die Managementküche und nutzt solche Gelegenheiten, um Gespräche zu beginnen. Seine Rolle beschreibt er als Leben zwischen zwei Welten: eines in Deutschland, eines in Pakistan. Die Verantwortung für Familie und die Hoffnung auf eine Rückkehr in den Fahrdienst, falls die Kämpfe erfolgreich sind, bestimmen seine Entscheidungen.
Persönliches
Samee Ullah lebt seit 2013 in Deutschland. In seiner knappen Freizeit kocht er gern; sein Lieblingsgericht ist Biryani. Das Gespräch erschien am 30.03.2026 und ist Teil der Serie «Neue Maloche», in der Menschen zu Wort kommen, die hart arbeiten und oft nicht im medialen Mittelpunkt stehen.

13. April
Lieferando-App befeuert Fahrerboom trotz MarktabkühlungNebenjob auf zwei Rädern, starke Nachfrage und Renditechancen für Fahrer
Weiterlesen ⮞

11. April
Künstliche Intelligenz und Arbeit: Ergänzung statt massenhafter Ersetzung«KI nimmt Routine ab, nicht die Arbeitskraft»
Weiterlesen ⮞

02. April
Ostern 2026: Wann Läden schließen und wer offen bleibt«Letzter Einkaufsrun vor dem Feiertagsstopp»
Weiterlesen ⮞